Foto-Spiele in Corona-Zeiten Teil 8

Ping, es geht in Runde 8 der kreativen Foto-Spielchen! Letzte Woche bin ich auf Grundlagen der fotografischen Lichtsetzung eingegangen und habe diese am Ende mit der Nutzung eines Lichtzeltes verdeutlicht. Heute möchte ich dort erneut ansetzen und euch zeigen, wie ihr auch nur mit einer einzigen Lichtquelle ebenfalls eine tolle Lichtsetzung ganz ohne Lichtzelt erzielen könnt und wie ihr dieses Wissen dann auch für größere Motive, wie z.B. bei Portraits, einsetzen könnt.

Für die heutigen Aufgaben solltet ihr euch griffbereit halten:

  • einen weißen Hinter-/Untergrund (Fotokarton, Kalenderrückseite etc.)
  • eine Kamera am besten auf einem Stativ
  • eine leichte Telebrennweite
  • einen fernzündbaren Blitz (oder zur Not auch ein starkes Dauerlicht)
  • ein paar weiße DinA4-Blätter oder weißen Karton/Styropor

Bevor wir mit den Bildern beginnen, lasst uns nochmals kurz rekapitulieren:

  • Die Größe der Lichtquelle bestimmt die Härte des Lichts, also wie hart/weich der Übergang von korrekt belichteten Stellen zum Schatten ist.
  • Der Abstand der Lichtquelle bestimmt, wie schnell das Licht mit zunehmender Distanz abfällt: nah dran, starker Helligkeitsabfall und umgekehrt.
  • Gleichzeitig wird die Lichtquelle mit verringertem Abstand aber scheinbar auch größer (vom Motiv aus gesehen), was wiederum die Härte verändert.
  • Der Abstand von Lichtquelle zu Diffusor bestimmt, wie der Übergang von korrekt belichteten Bereichen zu Glanzstellen erscheint: Nah dran: Glanzstelle, weiter weg: eher ein matter Schimmer.

Letzte Woche fotografierte ich eine kleine Whiskyflasche im Lichtzelt, um euch dieses zu demonstrieren. Heute greife ich schon wieder zum Whisky (slainté…) und wir spielen die gerade genannten Eigenschaften nochmals durch. Ich habe ein altes Kalenderblatt leicht an die Wand gelehnt, so dass zwischen Tisch und Wand eine Rundung/Hohlkehle entstand, damit wir keine Kante im Bild haben werden. Ich nehme bei so etwas gerne alte Kalenderblätter, da das Papier meist gestrichen ist und somit einen schönen Glanz mit sich bringt, in dem sich die Objekte leicht spiegeln. Auf dieses Blatt setzte ich nun die Flasche und blitzte mit einem entfesselten Systemblitz direkt darauf – das war das Ergebnis:

Sehr gut zu sehen sind die kleinen, hellen Blitzreflexionen im Glas, was dem Ganzen einen recht fleckigen Charakter verleiht. Auch der deutliche Schatten ist hier nicht ideal. Das Lichtzelt von letzter Woche könnte hier helfen, aber wir wollen das heute ja ohne angehen… Um den Schatten weicher zu bekommen, müssen wir die Lichtquelle vergrößern und um die Glanzstellen in den Griff zu bekommen, sollten wir mit Abstand durch einen Diffusor blitzen. Genau – dafür kommen jetzt die DinA4-Blätter zum Zug, die ich oben in die “Was-braucht-ihr”-Liste schrieb! Ich faltete eines davon genau in der Hälfte, so dass ich es hinstellen konnte und positionierte den Blitz etwas dahinter, so dass dieser hindurch blitzte. Deutlich zu sehen ist hier, wie die Glanzstellen abnehmen/flächiger werden, allerdings ist nun natürlich auch der Hintergrund viel dunkler geworden. Des Rätsels Lösung besteht nun darin, den Blitz so zu positionieren, dass er nur teilweise auf unseren “DinA4-Diffusor” blitzt und teilweise an ihm vorbei auf den Hintergrund! So wird dieser schön weiß (denn es ist ja kein Blatt dazwischen, was Licht schlucken könnte) und gleichzeitig behalten wir noch den Effekt des Diffusors. Zusätzlich nahm ich jetzt noch ein zweites Blatt und stellte es ebenfalls gefaltet rechts neben die Flasche, so dass die dunklen Schatten dort etwas aufgehellt wurden.

So kann sich das doch schon sehr gut sehen lassen! Aber so ganz glücklich war ich noch nicht… Zum Schluss entfernte ich den Blitz noch etwas vom Diffusor und und schob das rechte Aufhellerblatt noch etwas hinter die Flasche. Diese Verschiebung hellte den Schatten auf dem Hintergrund noch etwas auf und die Glanzlichter auf der Flasche wurden nun auch eher als matter Schimmer wiedergegeben. Warum? Größere Distanz von Lichtquelle zu Diffusor…

Zum Verdeutlichen habe ich euch auch diesen kleinen Aufbau abfotografiert, damit ihr es euch vielleicht besser vorstellen könnt, wenn ihr diese Aufgabe wieder nachmachen möchtet:

Ich hoffe, ihr seht, dass das alles keine Rocket Science ist, häufig muss man nur mal mit der Nase darauf gestuppst werden, auf was man genau achten muss… 🙂 Wie versprochen, würde ich euch gern aber noch einen Schritt weiter führen, in dem ich euch das alles nochmals an einem größeren Beispiel nachvollziehe. Dies habe ich dem Corona-bedingten Social Distancing nicht neu fotografiert, sondern habe Beispielbilder von einem Workshop herausgesucht, auf dem ich vor einigen Jahren diese Technik schon einmal demonstrierte:

Beim ersten Bild oben links blitzte ich direkt ohne Lichtformer (bzw. mit einem Normalreflektor) auf mein Modell Sarah. Der Blitz war ca. 2m weit weg von ihr, so dass sie und der Hintergrund Licht erhalten. Durch die kleine Leuchtfläche entsteht ein hartes Licht und wegen fehlender Diffusion sieht man auch ordentliche Glanzstellen. Für die Jacke wäre das zwar ein recht schönes Licht, aber (bei diesem Make-up) nicht als reines Portraitlicht. Beim zweiten Bild oben rechts beließ ich den Blitz genau gleich, schob jedoch einen Diffusor zwischen die Lichtquelle und Sarah, das Licht auf den Hintergrund verdeckte dieser allerdings nicht! Daher ist der Hintergrund bei Bild 1 und 2 nahezu identisch. Ich nutzte einen kommerziellen Diffusor dieser Art (affiliate link), aber ihr könnt euch genauso gut einen selbst bauen. Ich hatte über Jahre hinweg bei mir im Studio einen 2x2m großen Rahmen aus Dachlatten, in den ich einen IKEA-Duschvorhang getackert hatte – funktioniert hervorragend, ist nur leider nicht transportabel. Daher bin ich auf mobile Lösungen umgestiegen. Aber zurück zu den Bildern: Bei Bild 3 unten links öffnete ich die Blende um zwei Stufen, um den Lichtverlust des Diffusors auszugleichen – boom – fertig! Sarah ist korrekt belichtet, der Hintergrund ist nun jedoch viel heller als sie! Von hier ab kann man noch unendlich weitermachen: In Bild 4 unten rechts habe ich eine CTO-Folie (orange eingefärbte Farbfolie) zwischen Blitz und Hintergrund geklemmt, so dass dieser wieder etwas dunkler und näher an Sarahs Hautton war. Um euch alle Schritte zu verdeutlichen habe ich euch noch Diagramme erstellt, die zeigen sollen, wo wirklich genau was stand und welchen Einfluss die Veränderungen auf was hatten:

Man hätte aber auch einen Karton mit Löchern darin dazwischen halten können, um ein Muster auf dem Hintergrund zu erzeugen. Oder einen kleinen Spiegel links hinter Sarah aufhängen, um ein Kantenlicht zu erzeugen oder oder oder… – die Möglichkeiten sind schier endlos  und wie immer ist spielen angesagt!

Wie auch schon die letzten Wochen hoffe ich, dass euch dieses Übung etwas weiterbringt und sollten Fragen auftauchen, würde ich mich freuen, wenn ihr sie einfach hier in den Kommentaren postet!

Mit diesem Beitrag beende (oder besser: pausiere) ich die “kreativen Foto-Spielchen” erst einmal, um in den nächsten Wochen ein paar Beiträge zur Portraitfotografie zu veröffentlichen – daher auch die Überleitung in Richtung Portrait in diesem Post. Sollte euch das kommende Sujet nicht interessieren, bleibt doch bitte dennoch dabei und schaut immer mal wieder rein, denn ich werde in Zukunft solche Beitragsblöcke zu verschiedenen Themen veröffentlichen.

Viel Spaß beim Fotografieren und bleibt gesund
Martin

Martin Ziaja ist gelernter Fotograf, der seit Anfang der 2000er Jahre in diesem Bereich arbeitet. Seine Tätigkeitsfelder erstrecken sich von klassischer Portraitfotografie über Hochzeiten und Aktfotografie bis hin zu Image-Projekten für Tourismus- und Architekturkunden.
Sein Wissen gibt er seit 2005 in seinen zahlreichen Fotokursen und den von ihm geleiteten Fotoreisen weiter.

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